Elyr – Der Mann im Baum
Es war einmal ein junger Mann namens Elyr, der mit seinen Eltern und seinem Bruder in einem kleinen Dorf am Rande eines tiefen Waldes lebte. Er war kaum siebzehn Jahre alt, neugierig und stark, doch manchmal zu schnell mit Worten.
Eines Tages, als er Holz hackte, trat plötzlich eine alte Frau aus dem Gebüsch. Erschrocken hob er die Axt – beinahe hätte er sie getroffen. Im letzten Moment hielt er inne.
„Was schleichst du hier herum, altes Weib?“ rief er zornig. „Willst du, dass man dich erschlägt?“
Die Frau, deren Name Sarenna war, sah ihn lange an. Ihre Augen waren grau wie Nebel, und ihre Stimme klang, als käme sie aus den Wurzeln des Waldes.
„So jung, und doch schon voller Zorn,“ sagte sie leise. „Möge der Wald dich lehren, zu lauschen, bevor du richtest.“
Dann legte sie ihre Hand auf den Stamm des Baumes, den er gerade fällen wollte, und sprach Worte, die der Wind davontrug. Elyr spürte, wie seine Glieder schwer wurden, seine Haut kalt und rau. Der Baum nahm ihn auf – und wo eben noch ein Mensch stand, rauschte nur noch Laub im Wind.
Zwanzig Jahre vergingen. Elyr spürte den Lauf der Jahreszeiten, das Kommen und Gehen des Lebens. Er hörte das Flüstern der Tiere, verstand den Gesang des Regens. Sein Zorn verging – und mit ihm wuchs ein stilles Wissen in seinem Herzen.
Doch manchmal, wenn der Mond durch die Äste fiel, sehnte er sich nach einem Gesicht, einer Stimme, nach der Welt, die ihn vergessen hatte.
Eines Tages kamen Männer des Herzogs in den Wald, um Holz zu schlagen. Als sie den Baum erreichten, hörten sie eine Stimme – sanft, aber menschlich. „Bitte,“ flüsterte Elyr, „lasst mich leben.“
Einer der Männer, ein junger Holzfäller namens Taren, trat vor. „Wer bist du?“ fragte er.
„Jemand, der zu lange geschwiegen hat,“ antwortete Elyr.
In derselben Nacht wanderte Sarenna wieder durch den Wald. Sie war alt geworden, müde und allein. Die Tiere, die sie einst mit Zaubern gebunden hatte, wandten sich gegen sie. Als der Mond aufging, hörte man ihren letzten Schrei – dann war es still.
Mit ihrem Tod zerbrach der Fluch. Der Baum zitterte, das Holz spaltete sich – und Elyr trat hervor, atmete, fühlte den Wind auf seiner Haut. Er war frei.
Er kehrte in sein Dorf zurück, doch niemand erkannte ihn. Also blieb er im Wald, heilte verletzte Tiere, half den Wanderern, die sich verirrten.
Man nannte ihn bald den Hüter des Waldes. Und wenn in stillen Nächten ein Lied aus dem Wald erklang, sagten die Alten:
„Das ist Elyr. Er singt mit den Wurzeln, die ihn einst hielten – und mit dem Wind, der ihn befreite.“