Ein greller Blitz erhellte den Himmel, und ehe Ragna begreifen konnte, war der Klabautermann verschwunden. Stattdessen glomm ein silbriges Licht am Horizont. Ein Stern – größer und heller als alle anderen. Ohne zu zögern, riss sie das Steuerrad herum.
Die Mannschaft murrte, manche fluchten, doch Ragna blieb standhaft. Die „Seeschwalbe“ kämpfte sich durch tosende Wellen, während das Licht am Horizont sie führte. Schließlich brach der Sturm so plötzlich ab, wie er gekommen war, und das Meer wurde spiegelglatt.
Vor ihnen lag eine Insel, die auf keiner Karte existierte. Ihr Strand funkelte wie Kristall, und im Herzen der Insel thronte ein uralter Leuchtturm. Ragna und ihre Männer betraten das Eiland, geführt von einem kaum hörbaren Summen – eine Melodie, die direkt in ihre Herzen drang.
Auf der Spitze des Turms fanden sie den Klabautermann wieder. „Ihr habt Mut bewiesen“, sagte er und seine Stimme klang nun wie fernes Glockenläuten. „Diese Insel ist der Ruheort der Seelen, die auf See verloren gingen. Heute ist sie eure Rettung.“
Er hob eine knochige Hand, und ein warmes Licht breitete sich aus. Die „Seeschwalbe“ wurde repariert, als wäre sie nie beschädigt gewesen. Die Vorräte waren aufgefüllt, und ein sanfter Wind versprach Heimkehr.
„Warum helft ihr uns?“, fragte Ragna.
Der Klabautermann lächelte schief. „Weil auch wir Geister Freunde brauchen. Und ihr habt dem Meer Respekt erwiesen.“
Als die „Seeschwalbe“ in den Heimathafen einlief, erzählten die Seeleute Geschichten von dem geheimnisvollen Leuchtturm und dem Klabautermann. Viele hielten es für Seemannsgarn. Doch Ragna wusste es besser.
Und wenn sie nachts über das Meer blickte, sah sie manchmal ein kleines grünes Licht zwischen den Wellen tanzen – ein stilles Zeichen des Wächters der See.
Die Reise hatte sie verändert. Nicht nur hatte sie den Tod besiegt, sondern auch einen uralten Freund gewonnen.