Die Reise – Der Klabautermann
Der Wind heulte wie eine uralte Bestie, die Wellen türmten sich zu schwarzen Bergen auf, und das Holz des Schiffes „Seeschwalbe“ ächzte unter den peitschenden Wassermassen. Käpt’n Ragna, eine junge Frau mit bernsteinfarbenen Augen und einem Herzen aus Stahl, hielt das Steuerrad fest umklammert. Der Sturm war kein gewöhnlicher Sturm – er roch nach Magie und alten Geheimnissen.
Plötzlich zuckte ein grünes Licht über die Wellen, und eine Gestalt erschien auf der Reling. Klein, hager, mit Augen so tief wie das Meer und einem Bart, der im Wind tanzte. Der Klabautermann.
„Das Meer fordert seinen Tribut, Kapitänin“, krächzte er mit einer Stimme, die wie knarrendes Tau klang. „Doch nicht alles ist verloren. Folge mir, wenn du den Sturm überleben willst.“
Ragna zögerte. Seefahrer flüsterten seit Jahrhunderten von dem geisterhaften Schiffsgeist – mal als Retter, mal als Todesbote. Doch der Blick des Klabautermanns war weder drohend noch spöttisch. Er war ernst.
„Wohin?“, fragte sie.
„Dorthin, wo die Sterne singen.“
Ein greller Blitz erhellte den Himmel, und ehe Ragna begreifen konnte, war der Klabautermann verschwunden. Stattdessen glomm ein silbriges Licht am Horizont. Ein Stern – größer und heller als alle anderen. Ohne zu zögern, riss sie das Steuerrad herum.
Die Mannschaft murrte, manche fluchten, doch Ragna blieb standhaft. Die „Seeschwalbe“ kämpfte sich durch tosende Wellen, während das Licht am Horizont sie führte. Schließlich brach der Sturm so plötzlich ab, wie er gekommen war, und das Meer wurde spiegelglatt.
Vor ihnen lag eine Insel, die auf keiner Karte existierte. Ihr Strand funkelte wie Kristall, und im Herzen der Insel thronte ein uralter Leuchtturm. Ragna und ihre Männer betraten das Eiland, geführt von einem kaum hörbaren Summen – eine Melodie, die direkt in ihre Herzen drang.
Auf der Spitze des Turms fanden sie den Klabautermann wieder. „Ihr habt Mut bewiesen“, sagte er und seine Stimme klang nun wie fernes Glockenläuten. „Diese Insel ist der Ruheort der Seelen, die auf See verloren gingen. Heute ist sie eure Rettung.“
Er hob eine knochige Hand, und ein warmes Licht breitete sich aus. Die „Seeschwalbe“ wurde repariert, als wäre sie nie beschädigt gewesen. Die Vorräte waren aufgefüllt, und ein sanfter Wind versprach Heimkehr.
„Warum helft ihr uns?“, fragte Ragna.
Der Klabautermann lächelte schief. „Weil auch wir Geister Freunde brauchen. Und ihr habt dem Meer Respekt erwiesen.“
Als die „Seeschwalbe“ in den Heimathafen einlief, erzählten die Seeleute Geschichten von dem geheimnisvollen Leuchtturm und dem Klabautermann. Viele hielten es für Seemannsgarn. Doch Ragna wusste es besser.
Und wenn sie nachts über das Meer blickte, sah sie manchmal ein kleines grünes Licht zwischen den Wellen tanzen – ein stilles Zeichen des Wächters der See.
Die Reise hatte sie verändert. Nicht nur hatte sie den Tod besiegt, sondern auch einen uralten Freund gewonnen.
The Journey – The Klabautermann
The wind howled like an ancient beast, the waves rose into black mountains, and the wood of the ship “Seeschwalbe” groaned under the lash of the water. Captain Ragna, a young woman with amber eyes and a heart of steel, gripped the helm tight. This was no ordinary storm—it smelled of magic and old secrets.
Suddenly a green light flickered across the waves, and a figure appeared on the rail. Small, gaunt, with eyes as deep as the sea and a beard that danced in the wind. The Klabautermann.
“The sea demands its tribute, Captain,” he rasped in a voice like creaking rope. “But not all is lost. Follow me if you wish to survive the storm.”
Ragna hesitated. Sailors had whispered for centuries about the ghostly spirit of ships—sometimes a savior, sometimes a harbinger of doom. Yet the Klabautermann’s gaze was neither threatening nor mocking. It was earnest.
“Where to?” she asked.
“To where the stars sing.”
A blinding bolt lit the sky, and before Ragna could grasp it, the Klabautermann had vanished. In his place, a silvery glow smoldered on the horizon. A star—larger and brighter than all the others. Without hesitation she hauled the wheel around.
The crew grumbled, some cursed, but Ragna stood firm. The Seeschwalbe fought through the roaring seas while the light on the horizon guided them. At last the storm broke as suddenly as it had come, and the ocean turned to glass.
Before them lay an island that appeared on no chart. Its beach glittered like crystal, and at the island’s heart rose an ancient lighthouse. Ragna and her men stepped ashore, led by a barely audible hum—a melody that sounded straight into their hearts.
At the top of the tower they found the Klabautermann again. “You have shown courage,” he said, and his voice now sounded like distant bells. “This island is the resting place of souls lost at sea. Today it is your refuge.”
He raised a bony hand, and a warm light spread out. The Seeschwalbe was mended as if it had never been harmed. Stores were replenished, and a gentle wind promised the way home.
“Why help us?” Ragna asked.
The Klabautermann smiled crookedly. “Because we spirits need friends too. And you have shown the sea respect.”
When the Seeschwalbe entered her home port, the sailors told stories of the mysterious lighthouse and the Klabautermann. Many took it for a tall tale. But Ragna knew better.
And when she looked out over the sea at night, she sometimes saw a small green light dancing between the waves—a silent sign of the sea’s guardian.
The journey had changed her. Not only had she cheated death, she had gained an ancient friend.